MenschenLeben – Wege & Visionen

Regionales Kulturprojekt Lungau/Tennengau (Lammertal)

Betrachten Sie einmal Ansichtskarten von Dörfern, Werbeprospekte von Regionen. Im Grunde zeigen diese bunten Bilder meist aber immer nur das Gleiche: Eine schöne Kirche, einen schmucken Dorfplatz, eine idyllische Herberge vor einem markanten Felsmassiv inmitten satter Almwiesen, natürlich blauen Himmel und damit permanenten Sonnenschein. Aber wo bleiben die Menschen, die dort wohnen? Will man denn in ein menschenleeres Paradies fahren? Machen Menschen nicht die Seele einer Region aus und geben ihr ein ganz eigenes Gepräge, machen eine Landschaft zur Kulturlandschaft im eigentlichen Sinn?

Ich möchte eine ganze andere ‚Ansichtskarte‘ entwerfen: Menschen auf ihren Lebenswegen nachspüren. Veränderungen, gewollte wie ungewollte, aufzeigen und in ein Lebensbild einfügen. Den Menschen in seiner Einzigartigkeit erfassen, ihn aber auch in Beziehung zu Natur und Umwelt setzen. Realismus und Wünsche sind allgegenwärtig, genauso wie oft abrupte Änderungen im Laufe eines Menschenlebens. Wege & Visionen eben.

In lebensgeschichtlichen Interviews soll möglichst die Gesamtheit der Persönlichkeit erfasst werden. Aufgezeichnet in Bild und Ton soll aus dem gesamten Material dann pro Person die Essenz zu einem Kurzfilm von etwa 15 – 20 Minuten gefiltert werden. Diese Filme werden dann in einer Datenbank gesammelt und interessierten Institutionen und Personen zur Verfügung gestellt. Diese Datenquelle kann dann jährlich permanent wachsen und zur historischen Fundgrube werden.

Es werden Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Bereichen angesprochen. Menschen jedenfalls, die etwas aus ihrem Leben berichten und dies der Öffentlichkeit auch zugänglich machen wollen. Ausgewanderte und Dagebliebene, Zuagroaste oder auch Leute, die den Lungau von außen betrachten usw..

Lungauer Besonderheiten

In der Studie „ … und Heidi wohnt hier nicht mehr“ der Soziologin Dr. Rosemarie Fuchshofer wird nachgewiesen, dass die Bindung der ‚ausgewanderten’ Lungauerinnen und Lungauer zu ihrer ursprünglichen Heimat besonders hervorsticht. Damit wurde eine Vermutung zur Gewissheit und gleichzeitig zur Besonderheit. Vielleicht hängt das mit der Abgeschiedenheit des Bezirkes zusammen. Lediglich die Lungauer Sauschneider bereisten im 18. und 19. Jahrhundert die Gebiete und Länder der Habsburger Monarchie um ihrem Handwerk nachzugehen. Sie brachten Neues wieder nach Hause und erzählten ihre Geschichten. Heute ist man natürlich nicht mehr auf diese ‚Botschafter‘ angewiesen - übrigens ist dieser Berufsstand mittlerweile fast ausgestorben - und heute hat längst die moderne Kommunikationstechnologie Einzug gehalten. Der Jugend werden auch im Lungau gute Schul- und Ausbildungsstätten geboten. Allerdings finden dann viele im Bezirk keine adäquate Arbeit und werden vorerst zu Pendlern, um sich später gleich in der Nähe ihres Arbeitsplatzes anzusiedeln, um dort ihren neuen Lebensmittelpunkt zu begründen. Hier schließt sich der Kreis und sie werden zu ‚Exillungauern‘, die sich ihrer ursprünglichen Heimat weiterhin sehr verbunden fühlen.
Könnten hier nicht Ressourcen genutzt werden, die bislang kaum erkannt wurden? Dörflichkeit wird nicht selten als Rückzug in die ländliche Idylle, Tradition als Wert für sich allein und nicht als lebensbejahende und kommunikative Form gesehen. Ein Dialog nach außen erscheint mir unumgänglich. Ziel muss es letztlich sein, nicht mehr ‚Außen’ und ‚Innen’ zu unterscheiden, sondern eine offene und vorurteilsfreie Gesellschaft anzustreben.

Wer sind nun diese ‚Exillungauer’?

Hier denke ich zum Beispiel an den Bergbauernsohn, der vor etwa 20 Jahren anstatt daheim den Hof zu übernehmen, seinem Wunsch nachgegangen ist, nach Hamburg zu reisen und Hochseekapitän zu werden. Längst ist er nicht nur Kapitän sondern Eigner eines riesigen Frachtschiffes geworden, mit dem er die Weltmeere befährt. Oder ein anderer Lungauer, der in Südafrika als Bischof seinen Dienst versieht. Ein Psychotherapeut, der zum Präsidenten seines Berufstandes gewählt wurde, ein Architekt, der nicht nur den Staatspreis für Architektur erhalten hat, sondern auch eine neue Epoche in der Architektur begründet hat. Die Liste interessanter Persönlichkeiten ist mittlerweile sehr lang geworden. So führen uns Biographien nicht nur räumlich, sondern auch thematisch in andere Sphären und lassen uns neue Horizonte erkennen.

Aber was ist mit den ‚Zuagroasten‘?

Ja, auch die gibt es. Und gar nicht so wenige. Leute, die hier ihre Liebe gefunden haben oder ganz einfach gerne im Lungau leben wollen. Die ‚Zuagroasten‘, das behaupte ich einfach, haben es bei uns nicht ganz leicht. Der Lungauer ist immer noch geneigt, seine ‚eigene Suppe‘ zu kochen und sich nicht in den Topf schauen zu lassen. Das ist schade, weil damit neue Ansätze gar nicht andiskutiert werden können. „Die große Reformerin vor hundert Jahren, Margit Gräfin Szápáry, war ja auch eine ‚Zuagroaste‘“, werden Sie einwenden. Ja, aber die hatte Einfluss in Politik und Gesellschaft und sie hatte Geld. Das waren immerhin Attribute, die es ihr erleichterten, sich Gehör zu verschaffen. In den politischen Umbrüchen der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hat sie schließlich selbst alles verloren. Sie gilt heute noch zu Recht als große Lungauerin.

Dann gibt es noch eine besondere Art von ‚Einwanderern‘ – Flüchtlinge. Sie kommen zumeist aus völlig anderen Kulturkreisen und warten hier auf ihr Asylverfahren. Wissen nicht, wie es weitergeht und werden vielfach mit Argwohn betrachtet. Schon allein die Tatsache, dass man von ihnen so wenig weiß, erzeugt Unsicherheit, ja oft sogar Abneigung. Woher kommen sie und welches persönliche Schicksal hat sie bewogen, ihre Heimat zu verlassen? Hier den Dialog zu eröffnen, wird eine wichtige Aufgabe sein. Wenngleich nicht nur die Sprachbarriere sondern auch so manches Vorurteil zu überwinden sein wird.

Pressemeldungen über dieses Projekt

Pressemeldung am 8. November 2012 - Lungauer Nachrichten